Nicht schlecht gestaunt habe ich, und sicher nicht nur ich, in der vergangenen Woche über die Nachricht, dass die Menschen im Südwesten Deutschlands zufriedener und gesünder lebten, weil ihr Wohnort vor gut 2.000 Jahren zum Römischen Reich gehörte.

Das hatte sich ja unter gehörigem militärischen Druck im ersten nachchristlichen Jahrhundert schließlich auch nördlich der Alpen ausdehnen können, wenngleich der Versuch von Caesars Nachfolger Augustus, dessen Durchmarsch in Gallien gleich auch noch einmal in Germanien durchzuziehen von eher … bescheidenem Erfolg gekrönt war. Stichwort “Teutoburger Wald”, die ein oder der andere werden sich erinnern. Nach Varus’ Niederlage gegen den Cheruskerfürsten Arminius im Jahr 9 n. Chr. jedenfalls zogen sich die Römer mit blutiger Nase hinter Rhein und Donau zurück, zogen dort die Außengrenze ihres Imperiums und ließen die rauflustigen Germanen nördlich davon Germanen sein. Um ganz sicher zu gehen, befestigten sie diese Grenze wo nötig zusätzlich durch Wälle und Mauern – den Limes, der das heutige Deutschland in einen römischen und einen nicht-römischen Teil trennte.
Wenigstens vorübergehend, denn Mitte des 3. Jahrhunderts hat Rom dann genug andere Probleme, innenpolitische Spannungen und Konfliktherde an allen Ecken des Reichs – die Grenztruppen werden anderswo gebraucht und abgezogen. Was den antibarbarischen Schutzwall dann doch sehr schnell sehr löchrig machte.
Und trotzdem soll also diese gut zweieinhalb Jahrhunderte währende Phase der Romanisierung, sollen diese gut zweieinhalb Jahrhunderte lokaler Investition in Verwaltung, Wirtschaft und Handel, in Straßennetz und Infrastruktur, in Bergwerke, Badekultur und mediterranen Lebensstil so langfristig bis in unsere heutige Zeit nachhallen, wenn man der nun veröffentlichten internationalen Studie, an der auch die Universität Jena beteiligt war, folgt. Die Forschenden hatten die Ergebnisse einer Befragung unter mehr als 70.000 Personen aus den betreffenden Gebieten ausgewertet und aus den Antworten geschlossen, dass die römische Besatzung Germaniens nicht nur ein archäologisch greifbares kulturelles, sondern offenbar auch ein tiefwurzelndes psychologisches Erbe hinterlassen hat: Die Menschen, die heute in den ehemaligen römischen Gebieten leben, berichten über eine höhere Lebenszufriedenheit und einen besseren Gesundheitszustand und haben auch eine höhere Lebenserwartung.
Das klingt zunächst kurios und lässt erst einmal stutzend den Zusammenhang von Korrelation und Kausalität hinterfragen. Allerdings soll sich dieser “Limes-Effekt” offenbar auch anderenorts nachweisen lassen, in den Niederlanden beispielsweise, wie die Forschergruppe in ihrer Studie ebenfalls notiert. Und die regionalen Unterschiede blieben auch dann deutlich, betont die Studie, wenn man moderne Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Wirtschaft, Infrastruktur und Bildung berücksichtigt. Interessanterweise ist dieser Gedanke dabei gar nicht einmal so neu. Die Studienautoren stützen damit nämlich die schon 2018 in dessen “Kürzester Geschichte Deutschlands” (Propyläen Verlag) vom britischen Germanisten James Hawes beschriebene (und sicher kritischerer Auseinandersetzung würdige) These eines historisch begründbaren Mentalitätsunterschieds einer deutschen “Kernregion” westlich von Elbe und Saale und den im Zuge einer kolonisierenden Landnahme besiedelten Gebieten östlich davon (hier, in “Ostelbien”, meint er eine Keimzelle von Autoritarismus und aggressivem Nationalismus zu lokalisieren). Und auch Hawes bringt den römischen Vorstoß nach Germanien und dessen weitreichenden kulturellen Einfluss ins Spiel, wenn er etwa darauf hinweist, dass mit Ausnahme Hamburgs alle größeren Städte Westdeutschlands innerhalb des Römischen Reichs (oder zumindest dessen Einflusssphäre) lägen.
Wie könnte sich also eine solche kulturelle Prägung über Generationen hinweg in eine Gesellschaft einschreiben und noch immer auf unsere heutigen Lebensumstände auswirken? Der Zugang zu Bildung und die Teilhabe an Austauschnetzwerken dürften hier entscheidend sein – und von beidem konnten die Gebiete unter römischer Herrschaft und Verwaltung profitieren: Überregionaler Handel, Ideen- und Innovationstransfer, seien demnach durchaus ein Standortvorteil für wirtschaftliches Wachstum und kulturellen Fortschritt gewesen.
Klingt spannend, aber – ganz ehrlich? Ich bleibe skeptisch.
Originalstudie: M. Obschon et al., Roma Eterna? Roman rule explains regional well-being divides in Germany, Current Research in Ecological and Social Psychology 8, 2025, https://doi.org/10.1016/j.cresp.2025.100214.
