Pünktlich zum Internationalen Frauentag bin ich in einer gut sortierten Bahnhofsbuchhandlung im Kölner Hauptbahnhof auf die wenige Wochen zuvor erschienene neue Graphic Novel, “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” (Reprodukt 2025) von Ulli Lust gestoßen. Wie könnte man sich diesem Cover auch entziehen, das auf den ersten Blick so subtil scheint, sich auf den zweiten aber viel tiefgründiger zeigt. Und die eiszeitlichen “Venus”-Figurinen auf der Rückseite – die haben mich schließlich vollends überzeugt: gekauft.

Sachcomic nennt der Klappentext dieses neue Buch der in Wien geborenen Wahlberlinerin, Comic-Essay hat sie es selbst in Interviews genannt. Comic meint dabei zunächst vor allen Dingen die Form: gezeichnetes Storytelling; inhaltlich haben Leserinnen und Leser es nämlich in der Tat mit einem gründlich recherchierten Sachbuch zu tun. Einem allerdings, das – eben gerade auch dank dieser Form – weit davon entfernt ist, trocken zu sein. Und einem, das angetreten ist, das Bild der Frau in der Menschheitsgeschichte geradezurücken. Oder viel mehr: Bilder der Frau. Bilder von Frauen. Denn darum geht es hier. Um Frauenfiguren, ganz wörtlich: jene Frauenfiguren, deren Abbildung auf der Rückseite mich (einmal Archäologe, immer Archäologe) im Bahnhofsbuchladen in ihren Bann gezogen hatten – und die auch im Buch immer wieder in Erscheinung treten.

Lust, die diese Geschichte (durchaus in character) mit autobiographischen Episoden und Alltagsbeobachtungen zum Geschlechterverhältnis beginnen lässt, widmet sich hier aber nicht allein steinzeitlicher Kunst, sondern viel mehr noch unserer eigenen kulturellen Prägung, die die Gegenwart unausweichlich in die Vergangenheit zurückprojiziert – sich damit aber wie eine selbsterfüllende Prophezeiung auch immerzu neu in aktuelle Gesellschaftsvorstellungen einschreibt. Geprägt vor allen Dingen von den Interpretationen, die Archäologen (auf die männliche Form legt Ulli Lust durchaus – und durchaus zurecht – Wert) in den letzten 100 Jahren solchen Figurinen und ähnlichen Funden und Befunden übergeholfen haben. Wieso, fragt Lust sich und ihre Leserinnen und Leser, werden beispielsweise nackte Frauenkörper nicht mit derselben ästhetischen Unvoreingenommenheit betrachtet wie Männerkörper? Und sie illustriert das mit einer wunderbar sprechenden Szene im British Museum, in der eine Reihe antiker Männerskulpturen, die selbstverständliche Nacktheit nicht im Geringsten in Frage stellend, gegenüber einer (dem antiken Topos folgend) zusammengekauerten, die eigene Scham zu verbergen suchenden Aphrodite inszeniert sind.
Sie erscheint nicht nur der Autorin wie ein Gegenentwurf zu den zahlreichen, auf den folgenden Seiten vorgestellten, wesentlich älteren steinzeitlichen Frauenfiguren: Die vor gut 40.000 Jahren aus Mammutelfenbein geschnitzte “Venus vom Hohle Fels”, die etwa 30.000 Jahre alte aus Lehm geformte “Venus von Dolní Věstonice”, die nur wenig jüngere “Venus von Willendorf” aus Kalkstein und all die anderen in Anlehnung an die nackten Frauendarstellungen der Antike bzw. an die im frühen 19. Jahrhundert als Vénus hottentote bekanntgewordene Khoikhoi Sarah Baartman sogenannten Venusfigurinen (auch vor diesem Hintergrund scheint der neutralere Begriff “Frauenfigurinen” hier passender). Sie alle werden als gesichtslose Frauen mit ausladenden Hüften und Brüsten und mal mehr, mal weniger deutlich dargestellter Vulva gezeigt. Die Lesart als Mutter- oder Fruchtbarkeitssymbol scheint Lust wenig einleuchtend – nur ausnahmsweise würden die Figurinen Schwangere zeigen (was auf den Blickwinkel ankommen mag), Kinder suche man bei ihnen vergebens. Ihre Gesichtslosigkeit ist dabei ebenso auffällig wie die Nacktheit. Vielleicht ging es also gar nicht so sehr darum, eine ganz konkrete Person darzustellen, sondern eher einen bestimmten Frauentyp. Die Hohle-Fels-Venus hat gar überhaupt keinen Kopf; sie war als Anhänger gearbeitet und wurde vielleicht an einer Schnur um den Hals getragen – in diesem Fall liehen Trägerin oder Träger der Figurine ihr Gesicht.

Und noch etwas fällt Ulli Lust auf: Bei all den Frauenfiguren, die wir aus Jungpaläolithikum und Mesolithikum kennen, sind Männerbilder erstaunlich rar (was sich mit einer sprunghaften Zunahme bildlicher Darstellungen im Neolithikum jedoch ändern wird). Hier scheint also auf den ersten Blick tatsächlich zu gelten, was der Titel des Comics andeutet: die Frau bildet stellvertretend den Menschen ab. Die nur wenigen bekannten Abbildungen von Männern hingegen sind stark fragmentiert, oft maskiert oder als Mischwesen dargestellt. Allerdings gibt es da auch noch eine ganze Reihe menschengestaltiger Darstellungen, die sich nicht so leicht diesem oder jenem Geschlecht zuordnen lassen – und interessanterweise nimmt diese ambivalente dritte Gruppe, das sei hier nicht verschwiegen, sogar einen noch größeren Anteil ein als die eindeutig weiblichen Abbildungen.
Die großen Fragen, die Lust aus all diesen Beobachtungen ableitet, schmälert das nicht im Geringsten: Wen stellten diese Figurinen dar? Wie sah die Gesellschaft aus, die solche Kunstwerke hervorgebracht hat? Welche Rolle spielten darin Frauen?, will sie wissen. Und sie räumt gründlich mit dem Vorurteil von starken Jägern und sanften Sammlerinnen auf. Dafür erweitert sie ihren archäologischen und kunsthistorischen Erzählradius und begibt sich auf einen ethnologischen Streifzug, um in nomadischen Gemeinschaften in Geschichte und Gegenwart ganz selbstverständlich auch auf Jägerinnen zu treffen (was sich, wie wir inzwischen wissen, durchaus im archäologischen Befund spiegelt) und Leserinnen und Lesern Gesellschaftsformen nahezubringen, die uns fremd erscheinen mögen, unseren Blick auf die ferne Vergangenheit aber in ganz neue Bahnen lenken können. Ebenso wie der Ausflug in die Verhaltensbiologie, zu Bonobos und Schimpansen, die einander recht ähnlich scheinen, sich aber durch ein sehr unterschiedliches Sozialverhalten auszeichnen. Während in den von Männchen dominierten Schimpansengruppen hohe Konkurrenz herrscht, ist bei Bonobos, bei denen eher die Weibchen tonangebend scheinen, eine erhöhte Bereitschaft zur Zusammenarbeit zu beobachten. Bei uns Menschen sieht Ulli Lust, dem niederländischen Primatologen und Verhaltensforscher Frans de Waal folgend, beide Verhaltensmuster angelegt, auch wenn gegenwärtig, ganz in Schimpansenart, das (vermeintlich natürliche) Recht des Stärkeren wieder viel häufiger in den Mittelpunkt gerückt werde. Aber gerade die Fähigkeit zu Empathie und Fürsorge, nicht Aggression, sei der entscheidende Vorteil unserer Art gewesen, argumentiert die Evolutionsbiologie. Der Mensch, folgert auch Lust, ist ein hypersoziales Wesen – und Kooperation ein Leitmotiv unserer Geschichte.
Ulli Lust zeichnet, im Wortsinne (und womöglich einen Hauch romantisierend), unsere Steinzeitvorfahren als egalitäre Gemeinschaften. Als gleichberechtigte Gemeinschaften. Als Gemeinschaften, deren Leben und Überleben geprägt war vom Teilen und von der Sorge auch für Schwächere. Sie macht das u.a. an einer Reihe von Grabfunden fest – deren Zahl gerade im Jungpaläolithikum allerdings alles andere als repräsentativ ist: Neben überdurchschnittlich häufigen Kinderbestattungen begegnen uns dort immer wieder und vor allem Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Bestattungen waren in dieser Zeit offenbar bestimmten Individuen vorbehalten (jedenfalls soweit sie uns im archäologischen Befund erhalten und überliefert sind). Das muss nicht zwingend nur für eine besondere Fürsorge oder Verantwortung sprechen, die ihre Mitmenschen diesen Personen gegenüber empfunden haben mochten, unterstreicht aber eben doch ihre auf die ein oder andere Weise herausragende Rolle innerhalb der Gemeinschaft. Denn diese Gräber sind nicht selten erstaunlich reich ausgestattet und die bestatteten Körper, auch das thematisiert Lust, oft mit Ocker, einem roten Mineralpigment, eingefärbt. Eine Symbolfarbe. Die Farbe von Blut. Ein Symbol, das – und da mag sich ein Kreis schließen – in der Erfahrungswelt von Männern anders, aggressiver, konnotiert ist als, zyklisch wiederkehrend, im Alltag von Frauen.

Selbstverständlich erzählt Ulli Lust aus feministischer Perspektive. Und sie legt den Finger darauf, wie sehr eine männerdominierte Forschung unser Bild von der Vergangenheit geprägt hat und zu einem guten Teil noch immer prägt. Sie hat einen Comic verfasst, kein Fachbuch (auch wenn dieser mehr als 250 Seiten starke Comic mit beeindruckend umfangreichen Endnoten aufwartet). Aber welches Fachbuch hätte es in letzter Zeit vermocht, die Kunst der Steinzeit und die so eng mit ihr verknüpften Diskussionen um prähistorische Gesellschaftsstruktur und vermeintlich biologisch angelegte Rollenbilder derart prominent in die Öffentlichkeit zu tragen? Mit “Die Frau als Mensch” erhebt Ulli Lust nicht den Anspruch einer umfassenden historischen Rekonstruktion – viel mehr setzt sie Schlaglichter, schafft Perspektiven, um für einen anderen, einen neuen Blick auf die Vergangenheit zu werben. Und, ganz ehrlich, wem schiene Empathie als Fundament menschlicher Gesellschaft – gerade dieser Tage – kein schöner, tröstlicher Gedanke?
Zu Ende erzählt ist diese Geschichte übrigens noch nicht. Band 2, “Die Frau als Mensch in der Eiszeit”, ist bereits angekündigt. Er soll 2026 erscheinen.
