
Wieder ein Monat vorüber, Zeit für eine weitere kleine Archäologie-Nachlese. Und da hat sich auch im Mai wieder einiges getan, nicht nur hier auf dem Blog. Multisensorisch geht es dabei in diesem Monat gleich mehrmals zu: Es gilt, die Vergangenheit mit allen Sinnen zu begreifen.
Blogschau
Fangen wir damit doch gleich beim ersten Blog-Beitag im Mai an. Dass antike Skulpturen ursprünglich einmal bunt bemalt waren, hat sich inzwischen weitestgehend herumgesprochen. Kultbilder wurden aber auch parfümiert und mit Duftölen gepflegt, wie eine aktuelle Studie anhand verschiedener Textstellen und Inschriften zusammengetragen hat. Die Antike roch offenbar, vor allem dort, wo die göttliche Präsenz erfahrbar gemacht werden sollte, nach Rosenöl, Olivenöl und Bienenwachs.

Sensation: Die Arche Noah ist entdeckt worden! Ja, schon wieder. In der Türkei. Auf nahezu allen Kanälen macht die Nachricht von neuen Beweisen in Form aktueller Bodenradar-Aufnahmen die Runde. Die so aktuell aber gar nicht sind – und, ganz unter uns, auch wenig neue Erkenntnis bringen. Was also wirklich dran ist am sensationellen Archenfund, haben wir hier im Blog zusammengetragen.
Vor genau 100 Jahren, Ende Mai 1925, schickte Percy Fawcett einen Boten auf den Weg, der seine – was er kaum geahnt haben dürfte – letzte Depesche aus dem südamerikanischen Amazonas-Dschungel übermitteln sollte. Danach verliert sich jede Spur des erfahrenen Kartographen und seiner beiden Begleiter, sein Sohn Jack und dessen Freund Raleigh Rimmel, die aufgebrochen waren, eine mythische, im Regenwald verborgene Stadt zu suchen. Zum Jubiläum habe ich die gescheiterte Expedition und deren nachhaltigen Einfluss auf die Popkultur hier im Blog Revue passieren lassen.

Nachrichtenticker
In Sutton Hoo, Englands wohl prominentester angelsächsischer Schiffsbestattung aus dem 6. bis 7. Jahrhundert, sind bei Ausgrabungen der ja selbst schon legendären TV-Sendung “Time Team” im vergangenen Jahr (aber auch bereits 1986 und 2012) mehrere verzierte Fragmente eines byzantinischen Metalleimers gefunden worden, der eine dekorative Jagdszene zeigt. Im Boden des Eimers dann die Überraschung: verbrannten menschliche und Tierknochen. Eine besondere Bestattung? Durchaus möglich, meinen die Kolleginnen und Kollegen.
Im Irak haben Archäologinnen und Archäologen der Universität Heidelberg und deren Partner im Thronsaal des Assyrerkönigs Assurbanipal in Ninive ein imposantes Relief aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. freigelegt, das auf fünfeinhalb mal drei Metern Assurbanipal flankiert von den Göttern Assur und Ištar zeigt. Ein Novum, denn unter den übrigen bekannten, nicht gerade wenigen Reliefdarstellungen assyrischer Paläste, gibt es bisher keine Darstellung der großen Gottheiten. Die Fragmente wurden offenbar in hellenistischer Zeit bewusst in einer Erdgrube versteckt und blieben deshalb bislang unentdeckt.
Eltern kennen das: Um wenigstens einmal einen kurzen Moment Ruhe zu haben, suchen sie händeringend nach Ablenkung für die lieben Kleinen. Vor gut 4.500 Jahren haben hier offenbar kleine Tonrasseln gute Dienste geleistet, die wurden von Archäologinnen und Archäologen des Dänischen Nationalmuseums, Archéorient CNRS und der Universität Mailand im frühbronzezeitlichen Hama in Syrien gefunden wurden. Sie wurden aus dem gleichen Ton wie andere in der Siedlung gefundene Töpferwaren gefertigt, was dafür spricht, dass sie neben anderen Keramikwaren zum Sortiment professioneller Töpferinnen und Töpfer gehörten – und offenbar auf dem Markt von Eltern gekauft wurden, um ihren Kindern eine Freude zu machen … oder wenigstens einmal einen kurzen Moment Ruhe zu haben.

Foto: J. Hald, Nationalmuseum Dänemark
Der bis dato früheste Hinweis auf die Verwendung von Walknochen als Material zur Herstellung von Waffen und Werkzeugen kommt aus Spanien: Gut 20.000 Jahre alt sind die Funde entsprechender Geräte und Knochen, die Forschende jüngst eingehend analysiert und gleich fünf verschiedenen Spezies zugeordnet haben. Das ist mithin eine erstaunlich vielseitige, erstaunlich frühe Nutzung dieses riesigen Säugetiers als Ressource, denn so ein Wal muss ja auch erst einmal herangeschafft werden. Vermutlich haben die Jäger-und-Sammler-Gruppen jener Zeit deshalb auch gern Gebrauch von gestrandeten Tieren gemacht.
Und bei Ausgrabungen im Regenwald unweit von Uaxactún in der guatemaltekischen Provinz Petén konnten Kolleginnen und Kollegen aus der Slowakei und aus Guatemala eine etwa 2.900 Jahre alte Maya-Stätte samt Pyramiden, Observatorium, Altären und mehreren Stelen-Fragmenten freilegen. Zwei etwa 1,5 Meter große sitzende Figuren, Mann und Frau, wurden mit einem Ahnenkult in Verbindung gebracht und deshalb “Los Abuelos” (Großeltern) genannt – was schließlich auch gleich der ganzen Stätte als mögliches rituelles Zentrum ihren Namen gab.
Zu guter Letzt bittet das 2016 gegründete und bisher von der Wenner-Gren Foundation in Partnerschaft mit University of Chicago Press herausgegebene, redaktionell aber unabhängige, anthropologische Online-Magazin “Sapiens” um Unterstützung. Das für seinen erzählenden Ansatz und reportagenhaften Einblicke in aktuelle Forschung aus Archäologie, Ethnologie und Anthropologie bekannte Magazin steht offenbar vor dem Ende. Die Finanzierung durch die Foundation scheint nicht länger gesichert und die Einstellung stünde unter Umständen bereits im kommenden Monat zur Debatte. Das wäre in der Tat sehr bedauerlich.
Leseecke
Auch in diesem Monat gibt es da zwei, drei etwas längere Texte, die ich persönlich so interessant fand, dass ich deren Lektüre hier gern und guten Gewissens empfehlen möchte. Allen voran natürlich die Studie zu einem Neanderthaler-Fingerabdruck, der imFelsunterstand San Lázaro, Spanien, auf einem vage an ein Gesicht (?) erinnernden Stein gefunden wurde. Kreativer Einfall mit künstlerischen Ambitionen (wie die Autorinnen und Autoren der Studie vorschlagen) oder nicht – ein knapp 43.000 Jahre alter Neanderthaler-Fingerabdruck ist schon eine ziemlich beeindruckende Fundsache: D. Álvarez-Alonso et al., More than a fingerprint on a pebble: A pigment-marked object from San Lázaro rock-shelter in the context of Neanderthal symbolic behavior, Archaeological and Anthropological Sciences 17, 2025 🔓.
Ach, die alten Römer. Kennt man, klar – Säulen, Ruinen, Amphitheater stehen ja bis heute nicht selten dekorativ herum. Und auch in Sachen Sprache und Schrift, Kalender, Verwaltung und Gesetzgebung, Literatur und und und wirkt das antike Großreich bis heute nach. Und das offenbar bis tief in unsere Wälder hinein, wie eine Schweizer Studie zeigt: Vor allen Dingen Edelkastanien hatten es den Römern angetan, die sie großzügig und großräumig mit Hilfe innovativer Forsttechniken anpflanzten und verbreiteten. Noch heute spielen sie eine herausragende Rolle in Europas Landschaft und Forstbestand, sind die Früchte doch nach wie vor auch Teil der traditionellen Küche vieler Länder. Den Römern aber ging es gar nicht so sehr um geröstete Maroni – ihnen war viel mehr am vergleichsweise schnell nachwachsenden Holz gelegen, dass man in einem stetig expandierenden Imperium ja ständig irgendwo brauchte. Dieses faszinierende Nebeneinander von kultureller Expansion und naturräumlicher Erschließung schildert Sophie Hardach in ihrem Artikel für BBC Earth recht unterhaltsam und eindrücklich.

Selten, aufwendig in der Herstellung und deshalb kostbar, zählt Purpur historisch betrachtet wohl zu den symbolträchtigsten Farbtönen. Auch für die Mixteken an der Pazifikküste Mexikos ist Purpur weit mehr als nur eine Farbe – deren festen Rhythmen und Regeln folgende Herstellung und Verarbeitung ist Teil ihrer kulturellen Identität. Seit Jahrhunderten, womöglich gar länger schon, gewinnen sie den leuchtenden Farbstoff durch das schonende “Melken” lebender Purpurschnecken (Plicopurpura pansa), ohne die Tiere zu verletzen. Bis heute wird dieses Wissen von einer Generation an die nächste weitergegeben – doch bedrohen Wilderei, Klimawandel, Tourismus und Umweltzerstörung sowohl den Lebensraum der Schnecken als auch das Überleben der damit verbundenen mixtekischen Tradition wie der sehr ausführliche und unbedingt lesenswerte Beitrag von Andrzej Rybak hier im Guardian aufzeigt.
Mediathek
Bei Phoenix lief dieser Tage der aus dem Jahr 2022 stammende Dokumentarfilm “Lady Sapiens. Auf den Spuren eines Steinzeit-Mythos” von Thomas Cirotteau, Eric Pincas und Jaques Malaterra. Der Beitrag wirft einen Blick auf nach wie vor recht verzerrte Vorstellungen von Geschlechterrollen in der Ur- und Frühgeschichte, nimmt sich das ein oder andere Klischee (Jäger, aber Sammlerin?) vor – und räumt recht unterhaltsam und anschaulich damit auf (was ganz gut zum unlängst ja auch hier im Blog rezensierten Comic “Die Frau als Mensch” von Ulli Lust passt). Lohnt sich, einmal hineinzuschauen (in beides).

