Aus einer gewissen Affinität zu Comics, zu solchen mit archäologischen Themen sowieso, habe ich an dieser Stelle ja keinen Hehl gemacht. Da sollte es wenig wundern, dass ich, natürlich, auch an der aktuellen Ausgabe der Mosaik-Comicreihe mit einer Geschichte über die “Schamanin” von Bad Dürrenberg nur schwer vorbeigekommen bin. Es ist eine nur kurze Episode, in der es die Abrafaxe (die Helden der Reihe, die es hier sogar schon zum zweiten Mal mit einem Fund aus dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) zu tun bekommen) ins Mesolithikum verschlägt, wo sie die Bekanntschaft eben jener Ritualexpertin machen. Die ist in ihrer Zeichnung so nah an der archäologischen Rekonstruktion, dass das nicht nur wirklich Eindruck hinterläßt, sondern mich auch darüber hat nachdenken lassen wie sich dieses Bild, im Wortsinne, im Laufe der Zeit mit weiteren Forschungen und neuen Untersuchungen verändert hat.

Das beginnt im Grunde bereits mit der Entdeckung ihrer Bestattung im Jahr 1934 beim Anlegen einer Wasserleitung im Kurpark der Solestadt Bad Dürrenberg (Sachsen-Anhalt). Aufgrund der außergewöhnlich reichen Beigaben – darunter eine Geweihmaske, eine aufwendige Schmuckausstattung aus Tierzähnen, ein Steinbeil, Knochenpfrieme, Feuersteinklingen und weiteren Skelettresten verschiedener Tiere – war für die damaligen Ausgräber recht schnell klar, dass es sich bei der hier sitzend und zusammen mit einem Säugling begrabenen Person um einen herausragenden Mann der Jungsteinzeit (des geschliffenen Beils wegen) gehandelt haben muss. Einen mächtigen Urarier selbstverständlich, denn es ist das Deutschland der 1930er Jahre.
In einer Nachuntersuchung konnte der Anthropologe Hans Grimm 1957 immerhin die Geschlechtsbestimmung korrigieren und das Grab als das einer etwa 30-35jährigen Frau identifizieren. Erst mit einer 14C-Datierung in den 1970er Jahren allerdings wurde auch dessen Alter revidiert: Mit ihren etwa 9.000 Jahren kann die Bad Dürrenberger Bestattung ins Mesolithikum eingeordnet werden und zählt so zu einer der am reichsten ausgestatteten jener Zeit. Die Zahl der aus dieser Zeit bekannten Bestattungen ist allerdings überschaubar (und meist vergleichsweise beigabenarm) – was auf eine Sonderbehandlung und damit Sonderstellung dieser Frau offenbar schon zu Lebzeiten schließen lässt. Deswegen und weil ihre auffällige Geweihmasken-Kopfbedeckung an vergleichbare Kappen bei historischen Schamaninnen und Schamanen in Nordeuropa, Sibirien und Nordamerika erinnerte, war auch ihr bald eine entsprechende Rolle zugeschrieben worden.

Weitere Untersuchungen Anfang der 2000er Jahre förderten schließlich neue Erkenntnisse zutage, die dieser Interpretation durchaus Auftrieb gaben. Dass die Schneidezähne der Frau offenbar absichtlich abgeschliffen waren und die Nervhöhlen (sicher ziemlich schmerzhaft) frei lagen, war nicht einmal die erstaunlichste pathologische Auffälligkeit. Bereits Grimm hatte darauf hingewiesen, dass an der Schädelbasis unmittelbar am Rand des großen Hinterhauptsloches eine kleine Einschnürung vorlag – die er allerdings als Spur einer rituellen Enthauptung deutete. Tatsächlich war dies aber, wie der erneute Blick nun zeigte, der Hinweis auf die angeborene Beeinträchtigung eines zum Gehirn führenden Blutgefäßes. Hob die Frau ihren Kopf an und drehte ihn leicht zur Seite, könnte das dazu geführt haben, dass eine Arterie abgeklemmt und das Gehirn nicht mehr mit ausreichend Blut versorgt wurde. Die Folge waren ein sogenannter Nystagmus, ein unwillkürliches Zittern der Augen bis hin zur Ohnmacht. Womöglich war sie gar in der Lage, dieses medizinische Phänomen zu kontrollieren, konnte ihre Augen mit einem starken Nicken auf Kommando unheimlich flackern lassen und sich selbst in Trance versetzen – ihrer Credibility als Schamanin dürfte das nur zuträglich gewesen sein.
Es ist dann insbesondere auch ihr Blick, der uns – und das ist einmal mehr Ausweis von Karol Schauers großer Meisterschaft, die jede seiner archäologischen Illustrationen so authentisch und menschlich scheinen lässt – in den Rekonstruktionszeichnungen dieser Zeit ganz besonders in den Bann zu ziehen scheint. Ohne Geweihmaske und Tierzahnschleier fallen dort aber auch weitere Details im Erscheinungsbild der “Schamanin” auf, die hier noch mit blondem Haar, heller Haut und dunklen Augen dargestellt wird.

Das sollte sich allerdings noch einmal ändern als Nachgrabungen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt ab 2019 die ursprüngliche Fundstelle des Grabes identifizieren und weitere, damals im Boden verbliebene Überreste bergen konnten; darunter auch das Felsenbein des mit der Frau bestatteten Säuglings. Dieser härteste Knochen im menschlichen Schädel, der das Innenohr umgibt, ist schon vor der Geburt vollständig ausgebildet und wegen seiner Kollagendichte in der Regel eine gute Quelle für die DNA-Beprobung. Im Vergleich des Erbguts der “Schamanin” und des Kindes, ein Junge übrigens, zeigte sich nun, dass beide in keinem engeren familiären Verhältnis zueinander standen und nur entfernt verwandt waren. Auch in Bezug auf das Aussehen der Frau hielten die DNA-Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig einige neue Erkenntnisse bereit, die eine Überarbeitung des Schamaninnen-Portraits nötig machten (was Schauer, nebenbei bemerkt, Gelegenheit gab, einmal mehr zu glänzen).

Archäogenetisch war sie eindeutig der sogenannten Western Hunter-Gatherer-Population zuzuordnen, d.h. sie hatte – wie übrigens die meisten Menschen jener Zeit in Europa – eine dunklere Haut, wohl schwarzes Haar und grün-blaue Augen.

Damit bewahrheitet sich einmal mehr die alte archäologische Weisheit, dass allein die Zukunft unveränderlich ist, während die Vergangenheit sich ständig wandelt. Forschung ist dynamisch, neue Methoden können jederzeit mit neuen Erkenntnissen alte Wahrheiten überschreiben – und unser Bild von der Vergangenheit, unsere Bilder der Vergangenheit immer wieder ergänzen und verändern.
Die “Schamanin von Bad Dürrenberg” und ihre beeindruckende Grabausstattung kann heute im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) besucht werden. Mit einem Gastauftritt im Kinofilm “Alpha” (USA 2018) und einem weiteten, allerdings reichlich anachronistischen in der Netflix-Serie “Barbaren” (Deutschland 2020, 2022) hat sie sich auch in die Popkultur eingeschrieben. 2011 gab es sogar eine Playmobilfigur, die die Verwandtschaft nur schwer wird abstreiten können.
Viel ausführlicher als ich das an dieser Stelle tun könnte und wollte, haben sich Harald Meller und Kai Michel in ihrem 2022 bei Rowohlt erschienenen Buch “Das Rätsel der Schamanin” diesem außergewöhnlichen Fund gewidmet. Unter dem Titel “Das Grab der Schamanin” steht er außerdem im Mittelpunkt einer in der ZDF-Mediathek verfügbaren Terra X-Episode aus dem vergangenen Jahr.
