
Das neue Jahr hat alles andere als beschaulich begonnen. Eine reichlich banale Erkenntnis für jede und jeden, die die Nachrichten auch nur einigermaßen interessiert verfolgen. Der Nachhall der jüngsten politischen Ereignisse ist, hier wie dort, längst nicht verklungen und wird uns sicher noch eine ganze Weile beschäftigen. Um so wichtiger ist es gerade dieser Tage, sich selbst darüber klar zu werden, wo man steht.
Blogschau
Vor genau drei Wochen haben mehr als 60 Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen in Deutschland genau das getan und in einer konzertierten Aktion der sich zuletzt ja in der Tat zusehends durch die Verbreitung von Desinformation und eine Zunahme von Hassrede reichlich problematisch gestaltenden Plattform X (vor der Übernahme durch Milliardäre Elon Musk besser bekannt als Twitter) in einem gemeinsamen #eXit den Rücken gekehrt. Einige, zugegeben anekdotische, Beobachtungen über die (Spoiler: sich wandelnde) Rolle kommunizierender Forschender dort, hatte ich hier notiert.

Apropos problematisch und Musk. Der macht aus seinen politischen Sympathien ja keinen Hehl und hatte die neuerworbene Medienmacht (s.o.) ganz gezielt auch im jüngsten US-Wahlkampf eingesetzt. Was sich für ihn nach der Wahl mit inniger Nähe zur Macht auszahlt. Dass Musk da zur Amtseinführung des Präsidenten eine prominente – ja, was eigentlich – Siegesansprache oder Dankesrede (?) hielt, mag also vielleicht irritieren, aber nicht überraschen. Definitiv irritierend war sein zum Abschluss grüßend in Richtung Publikum ausgestreckter Arm. So irritierend, dass kaum ein internationales Medium, die Geste so recht einzuordnen wußte … oder das Undenkbare aufzuschreiben wagte: Das wird doch wohl nicht? Nein, nein, wußten seine Anhänger den Unverstandenen alsbald in Schutz zu nehmen: das sei doch nur eine nerdige Anspielung auf den aus der Antike überlieferten “Römischen Salut”! Warum das historisch nicht nur fragwürdig, sondern eine reichlich perfide Ausrede ist, habe ich hier aufgeschrieben.
Nachrichtenticker
Rechtzeitig, um die nach den Feiertagen gefassten Vorsätze in Sachen gesünderer Ernährung (dieses Mal aber wirklich) noch einmal in Erinnerung zu rufen, macht eine Studie des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie mit neuen Erkenntnissen in Sachen “Paläo-Diät” Schlagzeilen: Stickstoffisotopenuntersuchungen an deren Zahnschmelz haben unsere vor etwa 3-3,5 Millionen Jahren in Afrika lebenden Australopithecinen-Vorfahren als mehr oder minder überzeugte Vegetarier geoutet. Was die Diskussion darum, welche Rolle denn nun – und wann – beginnender Fleischkonsum für die Entwicklung zum modernen Menschen gespielt hat (Stichwort: Gehirnwachstum). Mehr dazu bei Lüdecke et al., Australopithecus at Sterkfontein did not consume substantial mammalian meat, Science 387(6731), 2025, DOI: 10.1126/science.adq73 (🔐💵).
Kein Monat ohne neue Fundmeldung aus Pompeji. Dieses Mal haben die Kolleginnen und Kollegen vor Ort gleich das ganze Badehaus eines gut betuchten pompejier … pompejianischen … eines wohlhabenden Bürgers Pompejis freigelegt – das größte bisher in der antiken Stadt entdeckte. Fotos zeigen beeindruckende Mosaikböden, Wasserbecken und Wandmalereien in den Räume einer großen Villa – darunter ein so genanntes Caldarium (eine Art dampfbeheizte Sauna) und ein Frigidarium (der “Abkühlraum”) mit einem Kaltwasserbecken, in dem bis zu 30 Personen Platz fanden, wie es in einer Mitteilung des Parco Archaeologico di Pompei heißt. Besonders spannend ist der Blick hinter die Kulissen auf das ebenfalls erhaltene komplexe System aus Boilern, Ventilen und Wasserleitungen. Eines der veröffentlichten Fotos bietet einen spektakulären Blick auf die sozusagen “unter Putz” verlegten antiken Leitungen.

Nicht minder aufsehenerregend war der Einblick in die Sozialstruktur eisenzeitlicher Gemeinschaften, den eine jüngst veröffentlichte DNA-Studie unter Leitung von Lara Cassidy und Daniel Bradley vom Trinity College Dublin gewährte: Die Forschergruppe konnte nachweisen, dass zwischen 100 v. Chr. und 100 n. Chr. im heutigen Südwest-England lebende Gruppen offenbar matrilokal organisiert waren, was bedeutet, dass die Frauen der Gemeinschaft in ihrem angestammten sozialen Umfeld blieben (oder zumindest dort bestattet wurde – denn die Studie hat Grabfunde analysiert), während die Männer sich auf Partnerinnensuche anderen Gruppen anschlossen. Damit wird eine schon seit geraumer Zeit geführte Forschungsdiskussion um stichhaltige neue Argumente bereichert. Die vollständige neue Studie findet sich hier: L. M. Cassidy et al., Continental influx and pervasive matrilocality in Iron Age Britain, Nature 637(1136–1142), 2025, https://doi.org/10.1038/s41586-024-08409-6 (🔓).
Einen nicht besonders großen, dafür aber besonders beeindruckenden Fund hat gerade der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) vermeldet. Das von einem lizensierten Sondengänger im Kreis Minden-Lübbecke entdeckte römische Dosenschloss aus Gold ist kleiner als eine 1-Euro-Münze – und genau deswegen besonders spannend. Denn die mit baugleichen Schlössern aus dem 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. vergleichbare Miniaturversion ist bislang einzigartig in Europa und verfügt trotz der geringen Größe über eine beeindruckende Feinmechanik, wie computertomografische Aufnahmen zeigen.

Aufnahmen: D. Mannes, Paul-Scherrer-Institut/Villigen (Schweiz); Montage: C. Hildebrand, LWL
Erschütternd hingegen die Nachricht vom Einbruch in das Provinciaal Museum van Drenthe im niederländischen Assen vergangene Woche. Aus der dort gezeigten Sonderausstellung “Dakien – Reich aus Gold und Silber” wurden mehrere archäologische Objekte aus Rumänien gestohlen. Darunter auch der 1928 in der Großen Walachei entdeckte, aus einzelnen Goldblechen zusammengeschweißte sog. Helm von Coțofenești aus der Zeit um 400 v. Chr., eine Leihgabe des Nationalmuseums für Landesgeschichte in Bukarest. Ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen, lässt der reine Materialwert der entwendeten Objekte angesichts ähnlicher Museumsdiebstähle leider nichts Gutes für deren Unversehrtheit ahnen. Immerhin konnte inzwischen die Festnahme von drei Tatverdächtigen vermeldet werden; vom Raubgut fehlt allerdings noch jede Spur.

Zu guter Letzt noch eine Erfolgsmeldung aus dem Fachbereich Software-Archäologie: Einer Gruppe von Wissenschaftlern ist es gelungen, den ersten Chatbot der Welt, ELIZA, zu reaktivieren. Das Sprachmodell war in den 1960er Jahren von MIT-Professor Joseph Weizenbaum entwickelt worden, die gut 420 Zeilen Code des Programms allerdings galten lange Zeit als verschollen. Bis Jeff Shrager, Kognitionswissenschaftler an der Stanford University, und Myles Crowley, Archivar am MIT, ihn 2021 in Weizenbaums verstaubten Nachlass wiederentdeckten und ELIZA mit Hilfe eines Emulators (aufwendiges Debugging inbegriffen) nach 60 Jahren wiederzubeleben. Wer selbst einmal eine Kontaktaufnahme versuchen möchte, kann dies hier tun; die technischen Details ihrer softwarearchäologischen Arbeit haben Shrager und Kollegen auch in einem Aufsatz zusammengefasst: R. Lane et al., ELIZA Reanimated: The world’s first chatbot restored on the world’s first time sharing system, Review of Scientific Instruments 96(1), 2025, Preprint: arXiv:2501.06707v1 [cs.AI] (🔓).
Leseecke
Als Leseempfehlung sei in diesem Monat, aus naheliegenden Gründen, M. M. Winklers Monographie “The Roman Salute. Cinema, History, Ideology” (Columbus 2009) hervorgehoben, das via Project Muse im open access zur Verfügung steht.
Und wo wir schon dabei sind, können wir auch den im Journal of Archaeological Research (09.01.2025, https://doi.org/10.1007/s10814-024-09205-6) erschienenen Aufsatz von P. Cornell und A. Andersson, “The Past, Ethnic Purity, and the Foundations of Nazi Ideology: Archaeology at War” auf den Lesestapel legen.
Die aktuelle Ausgabe 590 (Februar 2025) , “Das Geheimnis der Himmelsscheibe” der “Mosaik”-Comicreihe schickt ihre Protagonisten, die Abrafaxe, und damit natürlich auch Leserinnen und Leser dieses Mal in die Bronzezeit, wie schon das Cover unschwer erahnen lässt.

